Vorwort zur

Chronik von Schallenburg

 

 

Diese Chronik habe ich aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen.Hauptbestandteil sind die Recherchen von Dr. Ewald Buchsbaum. Es gibt zahlreiche Eintragungen in den Archiven,die von Lehen verschiedener Grafen und Fürsten berichten. Hier habe ich im Interesse der Leser  nicht alle Eintragungen berücksichtigt. Auch erhebe ich keinen Anspruch auf Vollkommenheit, sondern ich habe  lediglich versucht, so viel wie möglich an Fakten so anschaulich wie  möglich darzustellen. Für weiteres Material über unsere Geschichte, vor  allem Fotos und Ansichtskarten aus vergangener Zeit, wäre ich jederzeit offen.

 

 Wolfgang Kahl

 

 Schallenburg, 7.02.2008

 

 

Chronik von Schallenburg

 

 

Schallenburg- 1200 Jahre alt ?

 

Um es gleich vorwegzunehmen, Schallenburg ist älter als oben angegeben.

Vermutlich siedelten einzelne Bauern am Rande des Feuchtegebietes der Unstrut zwischen dem heutigen Wundersleben und Sömmerda. Für Schallenburg offenbart eine Fluranalyse, daß die damalige Anlage von Bauernstellen – Stall,Scheuer und Wohnräume unter einem Dach und rund um das Gebäude oder in unmittelbarer Nähe das Acker- und Weideland-durchaus nachweisbar ist. Das könnte vom Kerfch bis einschließlich Unterdorf gewesen sein.

Als die Hunnen dann aus diesem Gebiet abzogen und das Thüringer Reich seine größte Ausdehnung ohne feste Grenzen von der Altmark bis nach Passau erreichte, siedelten weitere Bauern.

Dann wurde die Saale-Unstrutlinie die Grenze zu den Slawen. So kam es im Unstrutgebiet auch zu slawischen Niederlassungen. In diesen unruhigen Zeiten, in denen die Fehden zwischen den Adelsfamilien gewaltsame Formen annahmen, vor allem auch, weil die Franken Thüringen erreicht hatten und den einheimischen Adel unterdrückten, wurden viele Burgen gebaut.

Sicherlich entstand damals auch die Schalkenburg an einer Stelle, von der das Unstruttal und damit eine Ost-Westverbindung überwacht werden konnte.

Da bis jetzt keine Ruinenreste nachgewiesen werden konnten, ist anzunehmen, daß die Burg aus Holz erbaut wurde. Das war in jener Zeit nicht unüblich.

Die Burg Grimmenstein in Gotha, die bis zum 30-jährigen Krieg vom Thüringer Landgrafen genutzt wurde, bestand ganz aus Holz. Erst nach dem Krieg wurde das Schloß aus Stein und Mörtel erbaut und in Friedenstein umbenannt.

Bei der Zerstörung der Schalkenburg 1075 kann ein beträchtlicher Teil vernichtet worden sein. Den Rest holten sich die Leute. Baumaterialien waren in allen Zeiten gefragt.

 Im 6.-8. Jahrhundert entstanden geschlossene Ortschaften, die zunächst aus einigen wenigen Bauernhöfen bestanden und verstreut in der Schallenburger Flur angelegt wurden. Sie konnten keineswegs die Größe unserer heutigen Dörfer aufweisen.

Solche Ansiedlungen waren Klein- oder Wenigenschallenburg,Groß-Schallenburg, Reinschwenden und Schlamsdorf (Slaymansdorf), das rechts vom Tunzenhäuser Weg zwischen Schallenburg und Tunzenhausen gegründet wurde. Der Name Schallenburg wurde von der Schalkenburg abgeleitet. Im Schutze der Befestigung existierte Wenigenschallenburg, während am Fuße des Burgberges, dort wo in den dreißiger Jahren Segelflugzeuge landeten und dort wo heute Wochenendhäuser stehen, Wein für die Herrschaften vom Schloß Schalkenburg angebaut wurde. In unmittelbarer Nähe gab es die Unstrutwiesen, die als Viehweiden bzw. für die Heuernte genutzt werden konnten. Die Koppel und die Kammer boten ausreichend Ackerland zur Versorgung der Schloßherren und der Bauern. Die Quelle, die heute Glockenborn genannt wird, hatte bestimmt damals schon eine Bedeutung für die Versorgung mit Frischwasser.

Östlich von der Burg entstand zwischen Unstrut und dem west-östlich verlaufendem Höhenzug von der Burg bis zum Kerfch in etwa 1 km Entfernung Groß-Schallenburg. Hier legten die Bauern im Laufe der Zeit ihre Höfe in einem Straßendorf an, machten das Gelände südlich des Ortes urbar und dehnten die Flur bis zum Kranichborner Hügel und bis zum östlichen Abhang in Richtung heutiger Bahnstrecke aus. Es ist denkbar, daß der Kranichborner Hügel, der übrigens die gleiche Höhe erreicht wie der von Weißensee, für die Umgebung vor allem in südlicher Richtung, heidnischen Kultzwecken diente. So wurden z.B. bei den Sonnenwendfeiern Feuer entfacht, die weithin sichtbar sein sollten. Das waren immer Volksfeste mit großen Menschenansammlungen für die ganze Umgebung.

Im Riet hatte die Unstrut noch kein festes Bett. Dort kam es im Frühjahr, Sommer und Herbst oft zu Überschwemmungen, die stets Wasser-, Morast- und Feuchtstellen hinterließen, sodaß die landwirtschaftliche Nutzung erst nach und nach möglich wurde.

Die Schallenburger konnten die Flur bis auf die Höhe des späteren Querdammes, bis an die Ortslage von Tunzenhausen heran und östlich bis an das Tannengehölz ausdehnen.
In einem Zeitungsartikel aus dem 19. Jahrhundert wird die Vermutung geäußert, daß Schallenburg erst im 13. Jahrhundert gegründet worden sei. Abgesehen davon, daß vor 150 Jahren die Quellenlage nicht so offenkundig war, hätte sich die Schallenburger Flur im Süden nicht bis  nahe an die Ortslage Kranichborn, nicht bis an den östlichen Abhang nahe der heutigen Bahnlinie, im Westen nicht so weit in die Koppel hinein und im Norden nicht so nahe an die Ortslage Tunzenhausen und nordöstlich bis nahe an Sömmerda ausdehnen können. Diese Orte, die nachweislich seit der Zeit Karls des Großen (768 – 814) bestanden, hätten sich mit Sicherheit weiter ausgebreitet. Mit dem Land, das die Bauern aus den im 30 jährigen Krieg zerstörten Dörfern Wenigen-Schallenburg und Slaymansdorf mitbrachten, kann die weiträumige Ausdehnung der Schallenburger Flur nicht erklärt werden. Diese Bauern sind damals auch nach Werningshausen, Wundersleben und Tunzenhausen umgesiedelt. Das Gebiet an der südlichen Uferseite der Unstrut wurde schon sehr bald als günstiges Siedlungsland erkannt. Damals entstanden vielerorts oft Rittergüter, so z.B in Tunzenhausen, Sömmerda, Wenigensömmern, Kranichborn u.a. Orten. Offensichtlich beherrschte das Adelsgeschlecht auf der Schalkenburg den Ort derart, daß ein solches Rittergut in Schallenburg nicht entstehen konnte.

Eine Analyse der Ortslage von Schallenburg zeigt, das Dorf ist in mehreren Abschnitten über Jahrhunderte gewachsen. Alles deutet darauf hin, die Bauernhöfe sind zunächst im Unterdorf und dann im Oberdorf entstanden. Sie mußten weit genug von den drohenden Über-schwemmungen entfernt, andererseits so angelegt sein, daß Menschen und Tiere mit Frischwasser versorgt werden konnten.In den Jahren 725 — 735 verbreitete Bonifatius in Erfurt, Arnstadt und Ohrdruf die christliche Religion. Schon vor und dann auch nach ihm wirkten christliche Sendboten in Thüringen. So kam bereits im 8./9. Jahrhundert der christliche Glaube von Erfurt aus in die umliegenden Orte, so auch nach Schallenburg. Das Christentum brachte vor allem den Glauben, daß die Realität gottgewollt ist, und auch die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits, weil Jesus Christus den Tod besiegt hatte und zu Gott emporgestiegen war. Die Gottesdienste konnten in den Wohnungen gefeiert werden, bis schließlich die ersten Kapellen in Thüringen gebautwurden. Da keine archäologischen Funde vorliegen, ist mit Wahrschein-lichkeit anzunehmen‚ daß in Groß-Schallenburg eine Kapelle am gegen-wärtigen Standort der Kirche erbaut wurde, der höchsten Stelle zwischen  Unter- und Oberdorf. Der christliche Friedhof befand sich in unmittelbarer Nähe. Gepredigt wurde in lateinischer Sprache, wie das damals üblich war. Das Wort “deutsch“ kann erstmalig für das Ende des 8. Jahrhunderts nach-gewiesen werden. Die Verbreitung des Christentums konnte so rasch ge-schehen, weil in Thüringen der Einfluß der fränkischen Herrscherfamilien sehr bedeutsam war, insbesondere seit Karl d. Große an der Spitze des Staates stand.Im Jahre 802 ließ Karl der Große in Erfurt das thüringische Stammesrecht in 61 Paragraphen zusammenfassen, das in der Folgezeit vom fränkischen Recht überlagert wurde.

(Vergleiche hierzu Jonscher, Kleine thüringische Geschichte, Jena 1995, 2. Aufl.S.22; Deutsche Geschichte in Daten, Berlin 1967, S.754 ff.)

Otto Hesse nennt in Sömmerdas Vergangenheit und Gegenwart,

(Erfurt 1898, S.6, )

mehrere Quellen, die leider nicht exakt datiert sind, jedoch Auskunft über Gerichtsverhandlungen geben, in denen die Landbevölkerung ihre An-liegen vorbringen konnte.

Ein solcher Gerichtstag, wie die Verhandlungen genannt wurden, dauerte etwa 14 Tage und fand in der Nähe von Gebesee statt.

Dort wurden die Flüsse Gera, Unstrut, Lossa und die Orte Wundersleben, Schallenburg, Sömmerda, Wenigensömmern u.a. genannt.

Für Schallenburg ist das die erste urkundliche Erwähnung.

Demnach ist unser Dorf (seit 802-805 ) älter als 1200 Jahre. Bei der dann erfolgten Teilung in Gaue kam Wenigen-Schallenburg zum Westgau und wurde vom Kloster Hersfeld verwaltet, während Groß-Schallenburg zum Ostgau kam und vom Kloster Fulda verwaltet wurde. Die Klöster verfügten seinerzeit auch über die entsprechenden Akten. Das ist die Zeit, in der sich die Grundherrschaft herausbildete und damit Verpflichtungen, Abhängigkeiten und Dienste für Bauern, Handwerker und Gemeinden entstanden.

Auch König Heinrich IV. ließ durch die Grafen, die seit Karl d. Großen nachweisbar sind, die Steuern einziehen‚ Recht sprechen und die militärische Kommandogewalt ausüben. Da das Bistum Erfurt, ( von Bonifatius gegründet) , bald an das Bistum Mainz angebunden wurde,

konnte der Mainzer Erzbischof Zehntforderungen an die Bauern stellen,

die oft zu Bauernunruhen führten. Schallenburg wurde von Erfurt aus verwaltet.

Unsere Betrachtung soll mit der Geschichte abgeschlossen werden, die über viele Generationen bisheute erzählt wird:

  

Demnach hat der Burgherr Bolko von Schalkenburg dem Franken Thilo von Füsingen, welcher auf der bei Tunzenhausen befindlichen, der Schalkenburg gegenüber am anderen Ufer der Unstrut belegenen Burg Weißenburg wohnte, die einzige Tochter Huldreich entführt und auf der Schalkenburg gefangen gehalten. Als die Thüringer und die Sachsen gegen Heinrich IV. kämpften, konnten sie zunächst einen Sieg erringen.Thilo, der des Königs Voigt war, wurde von den Thüringern belagert. Die ganze Besatzung der Weißenburg wurde niedergemacht. Thilo aber rettete sich durch einen unterirdischen Gang, der in den Steinbrüchen, von denen die Weißenburg umgeben war, ausgemündet haben und noch in späteren Jahren vorhanden gewesen sein soll.An der Zerstörung der Weißenburg beteiligte sich auch Bolko von der Schalkenburg. Thilo floh zu Kaiser Heinrich, und als dieser die Thüringer und Sachsen in einer furchtbaren Schlacht bei Langensalza im Jahre 1075 besiegt, und als Bolko, welcher an dieser Schlacht Theil genommen, sich verwundet und mit großer Mühe nach der Schalkenburg gerettet hatte, zog Thilo mit einer Abteilung des fränkischen Heeres vor die Schalkenburg und belagerte diese.

6 Tage lang vertheidigte sich Bolko heldenmuthig, vermochte dann aber die Burg nicht länger zu halten und begab sich am Abend vor dem zu erwartenden Hauptsturme zu seiner schönen Gefangenen Huldreich, die, wie berichtet wird, in Liebe zu ihm entbrannt war, kündigte derselben das ihm drohende Schicksal an und forderte sie auf, sich zu ihrem Vater zurückzubegeben, da er keine Möglichkeit sah, das Schloß zu halten. Huldreich weigerte sich, den geliebten Mann zu verlassen und beschwor ihn, sie mit ihm sterben zu lassen, schickte jedoch heimlich eine Botschaft an ihren Vater, der, um seines Kindes willen, Bolko gegen Übergabe der Schalkenburg, freien Abzug versprach. Im Vertrauen hierauf ließ Bolko die Thore der Burg öffnen, Thilo von Füsingen zog ein, doch kaum waren die treulosen, verrätherischen Franken in der Burg, als sie über die Besatzung derselben herfielen und sie niedermachten. Bolko entfloh durch ein Seitenthor mit Huldreich, anfangs ungesehen, in die Gegend nach Sumeridi, wurde dann verfolgt, gerieth mit seinem Pferd in einen Sumpf und sprengte, um den Verfolgern sich zu entziehen, mit seinem Roß und der Geliebten in die Unstrut, in welcher Beide ihren Tod fanden. 

 



So könnte die Schalkenburg ausgesehen haben


 

Um die Mitte des 11. Jahrhunderts kämpfte der thüringische und sächsische Adel gegen HeinrichIV. Das war ein schon jahrhundertelang andauernder Konflikt, der durch die Machtstellungder Franken noch verstärkt wurde. Da König Heinrich IV. und die mit ihm verbündeten fränkischen Adelsfamilien 1075 siegten, folgte die Bestrafung der aufständischen thüringischen Adelsfamilien auf dem Fuße. Die Zerstörung der Schalkenburg erhält unter diesem Gesichtspunkt einen durchaus glaubwürdigen historischen Hinter-grund. Wenn man bedenkt, daß Burg und Schloß aus Holz gebaut waren, so ist ein Teil damals vernichtet worden. Was übrig blieb, holten sich die Leute.

 

März 200l

 

Dr. Ewald Buchsbaum